Die Loretto-Höhe (Höhe 165) erstreckt sich 14 Kilometer nördlich der nordfranzösischen Stadt Arras und gehört zu der kleinen Ortschaft Ablain-St.-Nazaire. Genau an diesem Ort lieferten sich deutsche und französische Soldaten in den Jahren 1914/15 erbitterte Kämpfe um die Vorherrschaft dieser Anhöhe.

Loretto damals und heute. Rechts im Bild die Kirche von Ablain-St.-Nazaire – heute ein Mahnmal gegen den Krieg.

Eintragungen in den Divisionsgefechtskalendern und Heeresberichten lassen nicht annähernd auf den wahren Horror der Kampfhandlungen und das erbitterte Ringen um teilweise nur kurze Grabenabschnitte schließen. So findet man die üblichen Bezeichnungen wie zum Beispiel “Stellungskämpfe in der Artois, Schlacht zwischen La Bassée und Arras oder die Loretto-Schlacht”…

Chronologie der Kampfhandlungen um die Loretto-Höhe:

Oktober 1914:
Erste deutsche Truppen besetzen während der ersten Schlacht bei Arras den Osthang der Loretto-Höhe sowie die Ortschaften Angres, Souchez, Carency und Ablain-St.-Nazaire.

November 1914:
Erbittert kämpfen französische und deutsche Soldaten um die kleine Kapelle Notre-Dame de Lorette auf dem Plateau der Höhe 165. Deutschen Pionieren gelingt die Einnahme der Brauerei von Carency. Die Soldaten beider Seiten sind während der Kampfhandlungen den Unbilden des einsetzenden Winters ausgesetzt. Starker Regen, Minusgrade sowie dichtes Schneetreiben setzt den Mannschaften, die teilweise knietief in verschlammten Gräben stehen zu und erste Amputationen infolge von Erfrierungen müssen vorgenommen werden. In Souchez werden sämtliche wehrfähige französische Männer von deutschen Soldaten abgeführt. Loretto wird in vier Regimentsabschnitte unterteilt, die umgehend Decknamen bekommen.

Dezember 1914:
Tauwetter setzt ein. Eine Geländefalte am nordöstlichen Teil der Loretto-Höhe verwandelt sich durch das dort zusammenlaufende Wasser, den ständig anhaltenden Granatbeschuß und die Tritte Tausender Füße an- und abrückender Soldaten in eine schier grundlos scheinende Schlammhölle. Die Granattrichter sind mit teilweise hüfthohem Morast und etlicher verwesender Körper Gefallener gefüllt. In den deutschen Karten wird dieses Terrain alsbald mit dem sehr treffenden Namen “Schlamm-Mulde” geführt. Bei den deutschen Soldaten werden die ersten Eierhandgranaten ausgeteilt. Die französische Dezemberoffensive beginnt. Dieser Vorstoß des Generals Joffre sah vor, mit der französischen 10. Armee zwischen Lens und Arras durch die deutsche Verteidigungslinie durchzubrechen – erfolglos. Während sich andernorts an der Westfront Verbrüderungen zwischen den Gegnern zutrugen, wurde bei Loretto erbarmungslos gekämpft.

Die ”Schlamm-Mulde” 1915/2015

Januar 1915:
Schwere Kampfhandlungen am südlichen Höhenausläufer, der sogenannten “Kanzelstellung”. Dort fallen Tag für Tag etliche Soldaten beider Seiten im Kampf um drei Gräben, die sich jeweils nur auf 200 Meter Länge erstrecken. Gleichzeitig beginnen französische wie auch deutsche Truppenteile Minenstollen anzulegen, um mittels unter die gegnerischen Schützengräben getriebener Tunnel Spengmaterial installieren zu können.

Februar 1915:
Heftige Gefechte am östlichen Hang der Loretto-Höhe vor der “Schlamm-Mulde”. Während dieser Kampfhandlungen versuchen die deutschen Soldaten Gräben, Unterstände und Latrinen in der Geländefalte einzubauen. Ein provisorischer Friedhof in diesem “Schlamm-Tal” wird täglich vom französischen Artilleriefeuer erfaßt. Die Verwesenden immer wieder freigelegt, zerrissen und der aufgewühlten Schlammasse beigemengt.

März 1915:
15 deutsche Minenstollen werden gleichzeitig unter der französischen Linie zur Explosion gebracht, und mit rund 10.000 Soldaten erfolgt sodann ein schwerer Infanterie-Angriff auf der Höhe 165. Die französischen Truppen setzen sich hartnäckig zur Wehr und der Durchbruch scheitert nach einigen Tagen. Abermals wird die “Kanzelstellung hart umkämpft. Loretto ist zu einer verschlammten Anhöhe geworden, auf der Gräben oftmals nur noch mit Mistforken “gegraben” werden können.

April 1915:
Letzter schwerer Angriff auf die “Kanzelstellung” durch französische Truppenteile. Die deutsche O.H.L. (Oberste Heeresleitung) beschließt keine weiteren Gegenmaßnahmen an der ”Kanzel” zu unternehmen. Die deutsche Front beginnt aufzuweichen.

Mai 1915:
Beginn der sogenannten ”Loretto-Schlacht”. Die französische 10. Armee greift bei Loretto mit ihrem XVII., XX., XXI. und XXXIII. Armeekorps Teile der deutschen 6. Armee an. Doch der Vorstoß gegen das I. Bayerische und das XIV. Deutsche Armeekorps bringt bei der Höhe 165 nur einen unerheblichen Geländegewinn von durchschnittlich 1.500 Metern. Die kleine Ortschaft Carency wird jedoch vollständig zerstört. Nur wenige Deutsche können sich aus dem Ort retten – der Großteil von ihnen fällt, wird verwundet oder gerät in französische Gefangenschaft. Souchez wird zum größten Teil durch das französische Artilleriefeuer zerstört.

Bahnhofsgebäude der Kleinbahn in Carency – 1915/2015

Juni 1915:
Erbitterte Kämpfe um die Zuckerfabrik von Souchez (genaugenommen zwischen Souchez und Ablain-St.-Nazaire). Ablain ist weitestgehend zerstört. Der westliche Teil der Ortschaft ist von Franzosen besetzt. Die Häusertrümmer und Keller des östlichen Teils werden noch immer von deutschen Soldaten gehalten. Am 7. Juni erliegt Paul Mauk seiner schweren Verwundung im unweit der Loretto-Höhe befindlichen Liévin. Mauk ging hernach in die Kriegsgeschichte als der jüngste gefallene deutsche Kriegsfreiwillige des Ersten Weltkrieges ein.

Juli 1915:
Die Front verschiebt sich weiter nach Osten. Verzweifelt erwehren sich die deutschen Truppenteile gegen die französischen Infanteristen. Der südlich von Souchez gelegene Friedhof wird grausam und blutig umkämpft. Immer wieder stoßen französische Einheiten gegen die deutschen Soldaten vor.

Der deutsche Bataillonsgefechtsstand in Carency 1915/2015

August 1915:
Vorbereitungen zur großangelegten September-Offensive der Franzosen. Um Loretto wird in diversen Einzelgefechten um nur wenige Meter gerungen. Verbissen halten sich die deutschen Truppen in den Kellern von Souchez.

September 1915:
Die dritte Schlacht in der Artois (Herbstschlacht bei La Bassée und Arras) beginnt. Mit einer deutlichen Übermacht menschlichen Materials gelingt es der Entente die Deutschen aus Souchez und auf die nahegelegene Vimy-Höhe zu drängen. Die kleine Ortschaft Souchez wird hierbei vollkommen dem Erdboden gleichgemacht.

Heute liegt der Soldatenfriedhof Notre-Dame de Lorette auf der gleichnamigen Anhöhe bei Ablain-St.-Nazaire im nordfranzösischen Departement Pas-de-Calais. Er ist einer der größten Europas und der größte der 43 französischen Soldatenfriedhöfe der Artois.
Die 20.000 Gräber erscheinen angesichts über 579.606 Gefallener in der Artois befremdlich, aber die dazugehörigen acht (!) Beinhäuser lassen nachdenklich werden. In ihnen befinden sich die Gebeine von nochmals 22.970 Gefallenen. Der unweit entfernte deutsche Soldatenfriedhof bei La Targette birgt weitere 44.833 Gebeine. Tausende Tote wurden niemals gefunden – das ungeheure Trommelfeuer von Millionen Granaten der damals neuen industrialisierten Massentötung hatte sie zerrissen und der Erde beigemengt. Allein diese Fakten vermitteln einen vagen Eindruck des tatsächlichen Horrors, der sich damals dort zugetragen hatte. Während der ein ganzes Jahr andauernden schweren Kampfhandlungen war es unmöglich gewesen, die enorme Masse der Gefallenen auf beiden Seiten der Front auf ordentlichen Friedhöfen zu bestatten – sofern nach den Trommelfeuern überhaupt noch etwas übriggeblieben war. Man verscharrte die Leichname notdürftig dort, wo man sie fand, und nicht selten wurden sie von den Granaten der Artillerie in den nächsten Tagen und Wochen wieder “ausgegraben”.

Provisorische französische Gräber an der Loretto-Höhe