Alexander H. Keusgen
* Hannover, 18. September 1978
Seit 2011 Begehungen historischer Kriegsschauplätze des Ersten Weltkrieges in Nordfrankreich
und Recherchen für eigene, themenbezogene Buchtitel.


Ehrungen:
Februar 2013 Aufnahme in die Garde d’Honneur de l’Ossuaire de Notre-Dame de Lorette,
März 2013 Pflanzung des “Baumes der Versöhnung” in Vendin-le-Vieil.
April 2014 Denkmal für den Baum der Versöhnung in Vendin-le-Vieil.

Seit 2011 recherchierte Alexander H. Keusgen für sein Buch “Der Totenhügel – Loretto 1914/15” auf dem historischen Terrain, auf dem am 1. Oktober 1914 die deutsche 6. Armee unter Kronprinz Rupprecht von Bayern ihre Offensive gegen jene als Loretto bezeichnete Anhöhe eröffnete und dort auf die 10. französische Armee des Generals Foch traf. Der nur knappe Titel seines Buches läßt die schreckliche Tragödie seines Inhalts bereits vermuten.
Dazu sagt Keusgen:
“Als ich 2011 mit meiner Arbeit und den Recherchen begann, wußte ich zu dem Thema lediglich das, was man in der einschlägigen Literatur, vornehmlich jener aus den 1920er Jahren, finden kann. Was sich dort aber tatsächlich zutrug, übersteigt, wie meine Recherchen ergaben, alles für einen human denkenden und empfindenden Menschen Vorstellbare. Alle sprechen, wenn das Thema auf den Ersten Weltkrieg kommt, immer nur von Verdun; was aber bei Loretto geschah, erweitert die Grenzen des Grauens ins Unermeßliche…”

Spurensuche auf dem Todesacker von 1914/15 zwischen Neuville-St.-Vaast und Ecurie: Hier Fund einer Granate

Nach dem Ende der 20er Jahre schwieg die Literatur betreffs der Loretto-Höhe – Verdun “überstrahlte” alles. Durch Alexander Keusgens Loretto-Werk erhält die Historie infolge seiner neuesten Recherchen und Erkenntnisse eine ganz neue Dimension. Seit April 2016 ist es erschienen – ein Buch, für nervenstarke Leser…

Anläßlich seiner umfangreichen Recherchen, wurden auch Franzosen auf Keusgen aufmerksam: Da war plötzlich ein Deutscher, der sich nicht nur für die Geschichte seiner Landsleute, sondern auch jener der Franzosen interessiert. So öffneten sich ihm viele Türen, sowohl zum Vorteil seiner Recherchen, wie auch jene – gänzlich unerwartet – zur Garde d’Honneur de l’Ossuaire de Notre-Dame de Lorette. Am 24. Februar 2013 wurde er als erster und einziger Ausländer (aus französischer Sicht), noch dazu als Deutscher, höchst offiziell in die 1927 in Arras gegründete Garde d’Honneur aufgenommen. Eine bemerkenswerte Ehre, die dem damals 34-Jährigen seitens der Franzosen zuteil wurde. Sie stellte ein neues und außergewöhnliches Symbol französisch-deutscher Völkerfreundschaft dar.

Alexander Keusgens Dankesrede vor einem großen Auditorium der Garde d’Honneur anläßlich seiner Aufnahme in dieselbe, ließ auch den letzten Zweifel an seiner pro-französischen Haltung zunichte werden. Und als er seine, das Publikum ganz offensichtlich beeindruckende Rede mit den Worten “Vive la Paix!” (Es lebe der Frieden!) beendete, schmolz mit dem brandenden Applaus selbst das härteste Eis…

Alexander Keusgens Rede anläßlich seiner Aufnahme in die Garde d’Honneur

“Sehr verehrte Damen und Herren,
als sich 1906 das große Grubenunglück in Courrières ereignete, wurden deutsche Bergleute zur Hilfe herbeigerufen, um ihre französischen Kameraden zu retten. Es war dieses eine absolute Selbstverständlichkeit und ein Zeichen der Freundschaft zwischen Frankreich und Deutschland.
Nur acht Jahre später wurden wieder deutsche Männer nach Frankreich geschickt. Diesmal, um im Großen Krieg gegen die Franzosen zu kämpfen. Einer dieser Soldaten war mein Urgroßvater, der gegen seinen Willen in den Krieg und nach Nordfrankreich geschickt wurde. Später war er, gesundheitlich gezeichnet vom Gas, sehr froh darüber, von sich sagen zu können, niemals auf einen Franzosen geschossen zu haben, denn unsere Familie stammt ursprünglich aus Ihrem Land. Er hatte aber das große Glück, daß er, immer wenn Kämpfe anstanden, zu Schießübungen hinter die Front abkommandiert wurde…
Auch im Zweiten Weltkrieg mußten wieder deutsche Männer nach Frankreich ziehen. Und wieder war ein Mann aus meiner Familie dabei. Diesmal mein Großvater, aber erst 1942. Er blieb nur für kurze Zeit in Frankreich. Dann mußte er für zweieinhalb Jahre an der russischen Front kämpfen; genau wie sein Bruder Helmut, dessen Namen heute mein Vater trägt. Der Bruder fiel in Rußland, mein Großvater überlebte den Horror.
Dann war es mein Vater, der 1973 nach Frankreich kam, um nach der Wahrheit der Geschichte des D-Day 1944 zu suchen. Er fand sie nach über 40 Jahren Recherche und publizierte sie in bisher 10 Büchern. Heute ist er weltweit als der Experte dieses für Frankreich und die gesamte Welt so enorm wichtigen Ereignisses bekannt.
Nun bin ich es, der nach Frankreich kommt. Und ich komme mit der Botschaft des Friedens – genau wie einst 1906 die deutschen Minenarbeiter. Ich wurde empfohlen von zwei Männern der Garde d’Honneur de Notre-Dame de Lorette: Monsieur Thobois und Monsieur Egermann, merci beaucoup!
Es ist mir eine große Ehre, als erster Deutscher dieser Vereinigung beitreten zu dürfen – im Zeichen der Freundschaft zwischen Frankreich und Deutschland. Ich glaube, daß es sehr wichtig ist, solche Lichter anzuzünden, um damit die Welt zu erleuchten…
Ich danke Ihnen allen von ganzem Herzen und im Namen meiner gesamten Familie!
Vive la Paix!”

Alljährlich werden die Loretto-Höhe und die umliegenden Friedhöfe von mehr als 80.000 historisch interessierten Menschen besucht. Bereits am 28. März 2013 absolvierte der 34-Jährige seinen ersten Ehrendienst als Wächter der Beinhäuser und der 32 in einer Krypta unter der Tour Laterne aufgebahrten Särge unbekannter Soldaten. Von nun an wird er diese Ehrenwache mit seiner Präsenz vor Ort einmal jährlich fortsetzen, um die Toten beider Nationen zu ehren – für ihn tatsächlich eine Ehrensache, denn seine Familie fand ihren Ursprung vor etwa 300 Jahren in Nordfrankreich.

Keusgen bei seiner Tour de Garde: Hier Erklärungen für einen niederländischen Besucher

Der bisherigen Ehre nicht genug, wurde Alexander Keusgen infolge seiner Ernennung in die Garde d’Honneur von anderen Offiziellen “entdeckt” und zu einem speziellen “Festival des Friedens” anläßlich der 50-Jahr-Feier des deutsch- französischen Abschlusses des Élyssée-Vertrages eingeladen – mit einer ganz besonderen Mission: Er wurde gebeten, aus seiner deutschen Heimat einen noch jungen Baum, eine Linde, mitzubringen und ihn persönlich und höchst offiziell im Rahmen der Feierlichkeiten auf den “Chemins de mémoire” (Wege der Erinnerung) als Baum der Versöhnung einzupflanzen, ein Zeremoniell, dem die Franzosen der besonders 1914/15 stark umkämpften Region Artois große Bedeutung beimessen. (Alles das hatte in über 20 Kilometern Entfernung von der Loretto-Höhe nichts mit ihr und der Garde d’Honneur zu tun.)

Im Vorfeld mehr als zwei Wochen lang in den französischen Medien Presse, Rundfunk und Fernsehen angekündigt, reiste Alexander Keusgen mit einer eigens in seiner Heimat gekauften Linde nach Nordfrankreich. Vor Hunderten Zuschauern und infolge der großen Medienbeteiligung wurde unter den Augen der französischen Öffentlichkeit das erst 2,5 Meter große Bäumchen am Samstag, dem 30. März 2013, durch Alexander Keusgen und den Präsidenten des Veranstaltungskommitees in den französischen Boden gepflanzt.
Außer der Anwesenheit etlicher französischer “Offizieller” und Politiker hatten sich anläßlich dieses bedeutsamen Aktes französisch-deutscher Völkerfreundschaft und einer multiepochalen Rekonstruktion internationalen weltgeschichtlichen Militärs (von 1804 bis 1962) 274 Soldaten eingefunden. Obwohl in Frankreich deutsche Uniformen des Ersten und Zweiten Weltkrieges öffentlich eigentlich nicht geduldet sind, zog zu diesem offiziellen Versöhnungsakt eine Ehrenabordnung (von Franzosen) in den Uniformen deutscher Soldaten des Ersten Weltkrieges auf – wie gesagt, es ging bei dem Zeremoniell  um die französisch-deutsche Versöhnung…

Wie einst der französische Staatspräsident Francois Mitterrand dem Bundeskanzler Helmut Kohl die Hand zum Freundschaftsbündnis reichte, so wurde sie am 30. März 2013 am “Baum der Versöhnung” auch (von links) Alexander Keusgen vom Präsidenten der Assoziation Le Carnet Vert, Phillippe Duriez, gereicht, dann von Jean-Pierre Kucheida, Präsident de la communauté d’agglomération de Lens-Liévin, und Didier Hiel, Vizepräsident du conseil général du Pas- de-Calais und Bürgermeister von Vendin-le-Vieil.

Nachdem die französische und die deutsche Nationalhymne gespielt worden war und die Präsidenten und der Bürgermeister ihre Ansprachen gehalten hatten, trat auch Alexander Keusgen ans Mikrophon. Die nun eintretende Stille und Aufmerksamkeit des Publikums war bemerkenswert. Und wieder berührte er die Herzen der mehrere hundert anwesenden Franzosen mit seiner Ansprache.

Alexander Keusgens Rede anläßlich der Pflanzung des “Baumes der Versöhnung”

“Sehr verehrte Damen und sehr geehrte Herren, als mir vor fast genau einem Monat die große Ehre zuteil wurde, in die Garde d’Honneur de l’Ossuaire de Notre-Dame de Lorette aufgenommen worden zu sein, schloß ich meine damalige Rede mit den Worten: Vive la Paix!
Heute möchte ich hier vor Ihnen meine Rede mit genau diesen Worten beginnen…
Seit fast zwei Jahren arbeite ich nun an meinem Buch über die Loretto-Schlacht, die zweite Schlacht in der Artois, in der tausende Menschen unserer beider und weiterer Nationen ihr Leben verloren. Die Soldaten kämpften in einem Krieg, den sie selbst nicht verursacht hatten; und sie alle, Franzosen, Briten, Koloniale und Deutsche erlebten hier einen Horror, der für uns heute kaum vorstellbar ist.
Nun, fast einhundert Jahre später, leben wir im Frieden und können froh sein über die Freundschaft, die Frankreich und Deutschland verbindet. Ich habe nun die große Ehre und wunderbare Freude, diesen Baum als Symbol der Versöhnung unserer Völker in Ihre Erde pflanzen zu dürfen. Dieser Baum, der aus deutschem Boden gewachsen ist, soll in französischem Boden zu voller Größe erwachsen – als sichtbares Zeichen, auch für kommende Generationen, weiterhin im Frieden zwischen unseren Völkern zu leben…
Ich danke den Veranstaltern und Offiziellen für die große Ehre, die mir hier und heute zuteil geworden ist, als Deutscher meinen Beitrag an diesem wichtigen Meilenstein französisch-deutscher Geschichte leisten zu können. Mein großer Wunsch ist es, eines Tages, in ferner Zukunft, mit meinem Sohn unter diesem Baum stehen zu können und zu sagen: Schau mein Sohn, ein deutscher Baum in französischem Land – ein deutscher Freund im Freundesland…
Und Du, mein Sohn, erhalte diese wertvolle Freundschaft auch weiterhin aufrecht.”

Gegenüber der Presse sagte Alexander Keusgen nach seiner Rede: “Die vielen Tränen in den Augen der Zuhörer waren mir das schönste Kompliment und die größte Ehre…”

Am Ostersamstag, den 19. April 2014, wurde am “Baum der Versöhnung” ein Gedenkstein eingeweiht, der an den Grund seiner Pflanzung und den Ambassadeur der Versöhnung erinnern soll. Seine Inschrift lautet:

L’arbre de la réconciliation
planté le 30 mars 2013
Dans le cadre du cinquantième anniversaire du traité de l’Élysée
et du Festival des Chemins de Mémoire
“Un arbre Allemand en terre de France un ami Allemand dans le
pays de l’amitié” A. H. Keusgen
Der Baum der Versöhnung
gepflanzt am 30. März 2013
Zum 50jährigen Bestehen des Élysée-Vertrags
und anlässlich des Festival Chemins de Mémoire
“Ein deutscher Baum im französischen Land – ein deutscher Freund
im Freundesland” A. H. Keusgen
En présence de/Anwesende
Alexander H. Keusgen, Auteur/Schriftsteller
Didier Hiel, Maire de Vendin le Vieil
Vice-Président du Conseil Général

Zur Einweihung dieses Gedenksteins waren außer dem Vize-Präsidenten des Conseil général, dem Bürgermeister von Vendin-le-Vieil, auch noch weitere Honoratioren anwesend:
Jean-Louis Cottigny, Europaabgeordneter und Abgeordneter des Pas-de-Calais; Nicolas Bays, Abgeordneter des 12. Bezirks sowie Marc Derancy, Chef der Gruppe Vermelles der Garde d’Honneur von Notre-Dame-de-Lorette.
Den Hintergrund bildete auch in diesem Jahr das Festival “Wege der Erinnerung”, zu dem 340 Reenactors in den verschiedensten Uniformen der Weltgeschichte antraten und gewissermaßen das Ehrenspalier für die Offiziellen und Alexander Keusgen bildeten, dabei auch ein Zug “deutscher” Soldaten des Ersten Weltkrieges. Zu diesem großen Ereignis hatte man 3.000 Besucher erwartet – erschienen waren mehr als 10.000 Besucher…

Gemeinsam mit Didier Hiel, dem Bürgermeister von Vendin-le-Vieil, legt Alexander Keusgen Blumen am Gedenkstein des “Baumes der Versöhnung” nieder.

Der Gedenkstein für den “Baum der Versöhnung” – ein Gedenkstein für die Völkerfreundschaft zwischen Frankreich und Deutschland.